Formationsanalyse
Ich begrüße alle wissensdurstigen Trader und „Monkey-Investoren“ zum zweiten Teil unserer Serie. Nachdem wir uns im ersten Teil mit der Dow-Theorie das Fundament erarbeitet haben – also wissen, was ein Trend ist und wie wir auf der richtigen Seite der „großen Gezeiten“ stehen – schauen wir uns jetzt die Brandung genauer an.
Viele Anfänger starren auf den Chart und sehen nur wildes Zickzack. Aber die Pros wissen: Ein Chart ist kein Chaos. Er ist die pure Psychologie aller Marktteilnehmer, die in Echtzeit abgebildet wird.
Warum du die Formationsanalyse absolut brauchst?
Ganz einfach: Weil sich die Geschichte an der Börse ständig wiederholt. Menschliche Emotionen wie Angst, FOMO und Gier ändern sich nicht – und genau diese hinterlassen jedes Mal die gleichen „Fußabdrücke“ im Chart.
Die Formationsanalyse hilft dir dabei, diese Spuren zu lesen. Wenn du verstehst, welche Muster (Patterns) sich bilden, tradest du nicht mehr nach Bauchgefühl, sondern nach knallharten Wahrscheinlichkeiten. Wir lernen jetzt, das Rauschen von echten Signalen zu trennen, damit du weißt, wann eine Welle bricht und wann sie dich zum nächsten Profit trägt.
Teil II
Formationsanalyse
„Ein Chartmuster ist keine Kristallkugel, sondern ein Fahrplan der Wahrscheinlichkeiten. Wir traden nicht das Muster selbst, sondern die Reaktion der Masse auf dieses Muster.“
Jack D. Schwager
Was sind Chartformationen?
Hinter jeder Chartformation steht das fundamentale Gesetz von Angebot und Nachfrage. Als psychologische Wegweiser machen sie die Emotionen der Anleger – allen voran Angst und Gier – sichtbar. Da menschliches Verhalten gewissen Gesetzmäßigkeiten folgt, weisen auch Charts eine faszinierende Periodik auf. Die Kunst der Analyse liegt darin, diese Zeichen richtig zu deuten und unsere aktuelle Position im Marktgefüge zu identifizieren.
- Trendfortsetzung: Der Markt macht eine kurze Pause, bevor er den bestehenden Trend (bullish oder bearish) fortsetzt.
- Aussage: „Der Trend ist noch intakt. Die Bullen/Bären sammeln nur kurz neue Kraft für die nächste Welle.“
- Was du tust: Du suchst nach einem Einstieg in Richtung des ursprünglichen Trends.
- Typische Muster: Flaggen (Flags), Wimpel (Pennants) oder Rechtecke.
- Trendumkehr: Dem aktuellen Trend geht die Puste aus, und die Richtung dreht sich komplett.
- Aussage: „Die Luft ist raus. Die Käufer (im Aufwärtstrend) haben keine Power mehr, höhere Hochs zu machen – bereite dich auf einen Richtungswechsel vor.“
- Was du tust: Du sicherst deine Gewinne ab oder suchst nach Gelegenheiten für einen Short-Trade (bei Trendwende nach unten).
- Typische Muster: Schulter-Kopf-Schulter (SKS), Doppel-Tops oder Doppel-Böden.
Zusammengefasst: Fortsetzung heißt „Trend-Bestätigung“, Umkehr heißt „Trend-Wechsel“.
Was dir das bringt?
- Kein Blindflug mehr: Du erkennst sofort, ob die Bullen gerade nur kurz verschnaufen (Fortsetzungsmuster) oder ob der Hype komplett vorbei ist (Trendwende).
- Edge am Markt: Du weißt genau, wo dein Entry ist und – noch wichtiger – wo dein Stop-Loss sitzen muss, damit dich ein kleiner Dip nicht direkt aus dem Game kickt.
- Emotionen off: Ein valides Pattern gibt dir das Setup vor. Du musst nur noch den Trigger drücken, anstatt bei jeder roten Kerze Panik-Sells zu machen.
In diesem Teil -Formationsanalyse- schauen wir uns die heuftigsten Trendwende- und Fortsetzungsmuster an. In der Formationsanalyse unterscheiden wir zwei Hauptkategorien, die dir sagen, ob die Party weitergeht oder ob du die Gewinne lieber sichern solltest.
Umkehr- und Fortsetzungs-Chartmuster
🔄 A. Umkehrmuster (Reversal Patterns): Das Ende eines Trends
Umkehrmuster signalisieren mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass der etablierte Trend (primär oder sekundär) zu Ende geht und sich die Marktrichtung umkehren wird. Sie treten typischerweise an wichtigen Unterstützungs- oder Widerstandszonen auf und werden durch das Volumen bestätigt.
🤯 Die Schulter-Kopf-Schulter
(SKS) Formation
Die SKS ist das Warnsignal schlechthin, dass ein Aufwärtstrend die Puste verliert. Stell dir vor, der Kurs versucht dreimal hintereinander, ein neues Hoch zu erreichen. Die erste „Schulter“ sieht noch stabil aus, der „Kopf“ in der Mitte schießt darüber hinaus – alles scheint bullish. Doch dann der Fail: Die zweite „Schulter“ schafft es nicht mehr über das Niveau des Kopfes. Das ist der Moment, in dem das Smart Money den Raum verlässt.
Die entscheidende Linie ist die „Nackenlinie“, die die Tiefs der Schultern verbindet. Erst wenn der Kurs diese Linie mit Volumen nach unten durchbricht, ist das Pattern validiert. Viele Trader machen den Fehler und springen zu früh rein. Warte auf den Close unter der Nackenlinie! Das Kursziel berechnest du ganz entspannt: Miss den Abstand vom Kopf zur Nackenlinie und projiziere ihn nach unten. Ein klassisches Setup für einen fetten Short-Trade!
- Voraussetzung: Ein klar etablierter Aufwärtstrend (für die bärische SKS-Top-Formation).
- Aufbau (Bärisch – Top-Formation):
- Linke Schulter (LS): Ein Kursanstieg, gefolgt von einem ersten Rücksetzer.
- Kopf (K): Ein stärkerer Anstieg als die LS, der ein neues Hoch bildet, gefolgt von einem deutlichen Rücksetzer.
- Rechte Schulter (RS): Ein erneuter Anstieg, der es nicht schafft, das Niveau des Kopfes zu erreichen, gefolgt von einem erneuten Kursrückgang.
- Nackenlinie (Neckline): Eine Trendlinie, die die Tiefpunkte zwischen den Schultern und dem Kopf verbindet. Sie dient als kritische Unterstützungszone.
- Signal: Der Durchbruch der Nackenlinie nach unten, idealerweise mit ansteigendem Volumen.
- Kursziel: Die vertikale Distanz vom Kopf zur Nackenlinie wird von der Durchbruchstelle der Nackenlinie nach unten projiziert.
Doppelgipfel & Doppelboden
Der Doppelgipfel (Double Top) ist das klassische „M“-Muster der Formationsanalyse und ein echter Partykiller für Bullen. Der Kurs schießt hoch, wird abgewehrt, versucht es ein zweites Mal und scheitert am selben Widerstand. Das zeigt dir: Die Käufer haben keine Kraft mehr, den Preis weiter zu pushen. Das Gegenstück ist der Doppelboden (Double Bottom), das „W“-Muster. Hier testen die Bären zweimal ein Tief, finden aber keine Verkäufer mehr, die den Preis tiefer drücken wollen.
Wichtig für deinen Trade: Geh nicht beim ersten Anzeichen rein! Der Trigger ist erst der Bruch der „Mittellinie-Nackenlinie“ (des Tals beim M oder des Gipfels beim W). Erst wenn diese Zone durchbrochen wird, ist die Trendwende offiziell bestätigt.
Das Kursziel? Einfach die Höhe der Formation messen und am Ausbruchspunkt nach oben oder unten abtragen. Ein sauberer Weg, um Trends genau am Wendepunkt abzugreifen, bevor der Rest der Herde aufwacht.
Wenn der Markt zweimal anklopft
Diese Muster spiegeln einen Kampf um ein kritisches Preisniveau wider, der mit einer Ablehnung des weiteren Kursverlaufs endet.
Doppel-Top (Bärisch):
- Der Preis erreicht ein Hoch (Top 1), korrigiert, und erreicht das gleiche Hoch erneut (Top 2), kann es aber nicht nachhaltig durchbrechen.
- Die Tiefststelle zwischen den beiden Hochs ist die Bestätigungslinie (Neckline).
- Signal: Der Ausbruch unter die Bestätigungslinie signalisiert die Trendwende.
Doppel-Boden (Bullisch, auch W-Formation):
- Der Preis erreicht ein Tief (Bottom 1), erholt sich, und erreicht das gleiche Tief erneut (Bottom 2), hält dieses Niveau aber.
- Signal: Der Ausbruch über die Bestätigungslinie (das Hoch zwischen den Tiefs) signalisiert die Trendwende.
Rechteck (Box/Rectangle)
Ein Rechteck ist eine seitwärts gerichtete Konsolidierung zwischen klaren, parallelen Unterstützungs- und Widerstandslinien.
- Szenario: Der Markt pausiert, die Kräfte von Käufern und Verkäufern sind ausgeglichen.
- Signal: Ein Ausbruch über den Widerstand (Long-Einstieg im Aufwärtstrend) oder unter die Unterstützung (Short-Einstieg im Abwärtstrend).
- Trading-Tipp: Innerhalb der Box wird oft Range-Trading betrieben, wobei an der Unterstützung gekauft und am Widerstand verkauft wird, bis der Ausbruch erfolgt.
✅ B. Fortsetzungsmuster (Continuation Patterns)
Die Pause des Trends
Fortsetzungsmuster treten in der Mitte eines etablierten Trends auf und zeigen eine Konsolidierungs- oder Korrekturphase an. Sie signalisieren, dass der Markt lediglich „Luft holt“, bevor er den ursprünglichen Trend mit erhöhter Geschwindigkeit fortsetzt. Sie bieten ideale Einstiegspunkte nach einem Rücksetzer.
Falling & Rising Wedges: Die Keile
Keil-Formationen (Wedges) sind fies, weil sie oft so aussehen, als würde der Trend einfach weiterlaufen, während sie in Wahrheit eine massive Umkehr vorbereiten. Ein Falling Wedge in einem Abwärtstrend signalisiert, dass den Verkäufern die Puste ausgeht, obwohl die Kurse noch fallen. Die Wellenbewegungen werden immer enger, der Druck im Kessel steigt. Wenn der Kurs dann nach oben ausbricht, knallt es meistens gewaltig – ein klassisches Kaufsignal für den neuen Aufwärtstrend.
Das Rising Wedge ist das bärische Pendant: Der Kurs kriecht mühsam nach oben, aber die Hochs werden kaum noch überboten. Es sieht nach Stärke aus, ist aber pure Schwäche. Sobald die untere Trendlinie reißt, folgt oft ein heftiger Abverkauf. Achte hier besonders auf das Volumen: Sinkendes Volumen während der Keilbildung und ein Peak beim Ausbruch sind die Bestätigung, die du brauchst, um den Trade mit Konfidenz zu setzen.
🔑 C. Der Schlüssel zur Anwendung
Chartmuster sind keine exakten Wissenschaften, sondern Wahrscheinlichkeitsmodelle. Ihre Zuverlässigkeit steigt signifikant, wenn sie im richtigen Kontext stehen und durch andere Instrumente bestätigt werden.
- Trend-Kontext: Ein Umkehrmuster (z.B. Doppeltop) hat nur Relevanz, wenn ein klar etablierter Trend vorliegt, den es umzukehren gilt.
- Volumen-Bestätigung: Ein signifikanter Ausbruch (Breakout) aus einem Muster – sei es Fortsetzung oder Umkehr – sollte immer von einem Anstieg des Handelsvolumens begleitet werden. Ein Ausbruch ohne Volumen ist oft ein Fehlausbruch (Fakeout).
- Bestätigungslinien: Der Einstieg erfolgt idealerweise erst nach dem Durchbruch der kritischen Bestätigungslinie (Nackenlinie, obere/untere Dreieckslinie) und nicht davor.
- Zeitebenen: Ein Muster im Tages-Chart (1D) hat eine weitaus höhere Signifikanz als das gleiche Muster im 5-Minuten-Chart (5M).
Chartformationen traden
- 5 Schritte -
Chartformationen zu erkennen ist der erste Schritt, aber sie „richtig zu traden“ – also profitabel zu handeln – erfordert Disziplin und ein systematisches Vorgehen. Viele Anfänger scheitern, weil sie zu früh einsteigen (Antizipation) oder den Stop-Loss zu eng setzen.
Hier ist die ausführliche 5-Schritte-Anleitung für das professionelle Trading von Chartmustern.
Bevor du einen Trade eröffnest, muss das Muster klar erkennbar sein.
- Mindestens drei Berührungspunkte: Eine Trendlinie oder ein Widerstand ist erst valide, wenn der Kurs sie mindestens zwei, besser drei Mal getestet hat.
- Kein Erzwingen: Wenn du den Kopf schief legen musst, um eine „Schulter-Kopf-Schulter“ zu sehen, ist sie wahrscheinlich nicht da. Die besten Muster sind die, die jeder sieht – denn dann handeln auch alle danach.
Dies ist der häufigste Fehler. Trader kaufen innerhalb der Formation, weil sie den Ausbruch vorhersagen wollen.
- Schlusskurs abwarten: Steige erst ein, wenn eine Kerze (auf dem von dir gewählten Zeitrahmen, z.B. 4h-Chart) außerhalb der Formation schließt.
- Das Volumen-Check: Ein echter Ausbruch aus einer Bull-Flag oder einem Dreieck sollte idealerweise von einem Anstieg des Handelsvolumens begleitet sein. Wenig Volumen bei einem Ausbruch deutet oft auf eine Falle („Bull Trap“) hin.
Der Stop-Loss gehört dorthin, wo das technische Muster „kaputt“ wäre.
- Bei Fortsetzungsformationen (z.B. Flagge): Setze den SL knapp unter das letzte Tief innerhalb der Flagge.
- Bei Umkehrformationen (z.B. SKS): Setze den SL über die rechte Schulter.
- Puffer einplanen: Setze den Stop nicht exakt auf die Linie, sondern 0,5 % bis 1 % darunter/darüber, um nicht durch normales „Marktrauschen“ ausgestoppt zu werden.
Jede Formation hat ein theoretisches Mindestziel, das auf ihrer Geometrie basiert.
- Die Projektionsmethode: Miss die Höhe der Formation (z. B. den Abstand vom Kopf zur Nackenlinie bei der SKS oder die Breite eines Dreiecks).
- Ziel setzen: Trage diese Distanz am Ausbruchspunkt ab. Das ist dein Take Profit (TP).
- Wichtiger Check: Ist der Weg zum Ziel frei? Achte darauf, dass keine großen historischen Widerstände knapp vor deinem Ziel liegen.
Sobald der Trade läuft, hast du zwei Möglichkeiten:
- Set & Forget: Du lässt SL und TP einfach stehen.
- Trailing Stop: Sobald der Kurs ca. 50 % des Weges zum Ziel geschafft hat, ziehst du den Stop-Loss auf den Einstiegspreis (Break-Even). Damit ist das Risiko aus dem Trade raus.
Ein Beispiel-Setup
Stell dir vor, du handelst einen Doppel-Boden (W-Formation):
- Einstieg: Kauf, wenn die Kerze über dem mittleren Hoch des „W“ schließt.
- Stop-Loss: Unter das tiefste Level der beiden Böden.
- Take Profit: Höhe vom Boden bis zur Mitte, oben draufgerechnet.
Tipp für Fortgeschrittene: Oft gibt es nach einem Ausbruch einen sogenannten „Retest“. Der Kurs kommt noch einmal zurück und testet die alte Ausbruchslinie von der anderen Seite. Das ist oft die beste (zweite) Chance für einen Einstieg mit noch besserem Risiko-Ertrags-Verhältnis.
🏆 Fazit
Chartanalyse ist keine Wahrsagerei, sondern Statistik. Fortsetzungs- und Umkehrformationen helfen dir dabei, das Rauschen am Markt zu filtern und Ein- sowie Ausstiege präziser zu planen.
Mein Tipp für dich: Schnapp dir eine Plattform wie TradingView, öffne die Charts deiner Lieblingsaktien und versuche, die Muster in der Vergangenheit zu finden. Du wirst überrascht sein, wie oft sie sich wiederholen!
